Das Spritzenhaus lebt durch seine Geschichte(n)!

Hier veröffentlichen wir nach und nach ihre Geschichten, Gedichte und Anekdoten in denen unser Lenzinghausener Spritzenhaus eine Rolle spielt. Vielen Dank für Ihre Zusendungen - und viel Spaß beim Lesen!

Betrieb am Spritzenhaus

von Holger Grabbe

Jupp, der kleine Igel vom alten Spritzenhaus in Lenzinghausen hatte schon ruhigere Zeiten erlebt. Als das Gestrüpp zwischen Spritzenhaus und Seniorenresidenz noch in voller Blüte stand und
dornige Brombeerranken, Brennesseln und Unterholz zwischen den alten Apfelbäumen noch sicheren Unterschlupf und abenteuerliche Ausflüge mit seiner Grossfamilie in die nähere
Umgebung boten, da war dort noch igelgerechtes Leben möglich. 

Nach der Rodung dieses Geländes sah es schon anders aus bei jetzt gefährlichen Spaziergängen. Aber auch daran hatte man sich gewöhnt. Man musste nur Auge, Ohr und Nase konzentriert einsetzen und so hatte man es bis zum jetzigen Überleben geschafft.

Aber nun das: Zuerst hatte man das ja nicht so ernst genommen, als man sich nicht nur vor den ansonsten ganz netten Nachbarn und den domestizierten Hunden durch Stillhalten und Stacheln
-aufrichten schützen musste, sondern auch die Spaziergänge unbekannter Menschen zum Spritzenhaus führte. Die Neugier wird es wohl gewesen sein: Mit dem Spritzenhaus passiert was -stand in der Zeitung. Ob es wohl schon abgerissen ist? Neugier und Interesse sind bei diesen Menschen ja nicht zu bremsen, Und Interesse an vorher Unbekanntem oder Erinnerung an frühere Erlebnisse sind schon eine starke Triebfeder – wenn sonst nix los ist. Und was zunächst nur Einzelne zum Spritzenhaus führte, wurde von Tag zu Tag vielfältiger; jung und alt, Mann und Frau, kleine und große Familien in immer größere Scharen ergingen sich mit dem einen Ziel: Das alte Spritzenhaus! Das konnten doch nicht alles Alteingesessene sein.

Und es wurde immer doller: Die touristischen Heerscharen überschwemmen regelrecht den kleinen Birkenweg, stoßen aneinander, schubsen sich, entschuldigen sich, begrüßen sich unbekannter weise, bleiben stehen, gehen weiter, vorwärts und zurück, weichen sich aus, nach links, nach rechts, Eltern verlieren ihre Kinder, Taschendiebe mischen sich unters Volk, Liebespaare suchen sich vergeblich, Führungen mit Fähnchen und sächsischen Akzent kreuzen sich mit Pfälzern... und das alte Spritzenhaus stemmt sich felsenfest und aufrecht gen dieses täglich – nein stündlich – sich vermehrende Gedränge... Erst in der späten Nacht wird es - etwas – ruhiger – aber nur, um am
nächsten Morgen wieder aufzubranden...

Da sträuben sich Jupp, dem kleinen Igel, die Stacheln.
Mit der Ruhe früherer Zeiten ist es wohl endgültig vorbei...

Als der Spritzengehilfe Hermann versehentlich 16 Tage im Spritzenhaus eingesperrt war, weil es solange in Lenzinghausen nicht brannte

von Holger Grabbe

Es geschah nach einem glücklich verlaufenen Löscheinsatz der freiwilligen Feuerwehr in Lenzinghausen, weil das durch die brennende Zigarre des nach Lokalschluss eingedösten Wirtes
ausgelöste Feuer nur die bierdurchfeuchteten Vorhänge entfachte und der dunkle Qualm schnelle professionelle Hilfe herbeieilen ließ.

Vielleicht war es der getränkespendable Dankbarbeit des Kneipiers geschuldet, dass die bierlaunige Löschtruppe wohl den Spritzenwagen noch ordnungsgemäß ins Spritzenhaus verstauen konnte, aber beim Verschließen des Tors übersah, dass sich der Spritzengehilfe Hermann, schon etwas schwer auf den Beinen, sich nicht schnell genug hinaus begeben konnte und sich plötzlich eingesperrt im dunklen Gemäuer wiederfand.

Erst nach langsamer Ernüchterung wurde er sich seiner misslichen Lage bewusst. Er versuchte, was man in solcher Lage versucht: Rütteln an Tür und Fensterläden, lautes Rufen, Horchen, ob draußen was zu hören ist, wieder Schreien...
Die Vergeblichkeit seines Tuns wurde ihm zusehens bewusst, denn das, was er sah, war nichts: tiefe Dunkelheit, die Unsicherheit – ja Angst – folgen ließ auch in seinen Bewegungsmöglichkeiten. Angestoßenes Schienbein links, Schulterstoß rechts, Kopfschlag, blaues Auge, Stolpern, Fallen,
Wiederaufstehen, Niedersetzen, Nachdenken, Jammern...
Die erste Nacht war noch geprägt durch Erschöpfung und Hoffnung.

Doch auch der nächste Tag brachte keine Befreiung aus der misslichen Lage. Seine nicht enden wollenden Hilferufe wurden vom Nachbarn als Kauzrufe interpretiert. Das lag wohl auch an
Hermanns Stotterleiden, der über ausgedehntes Hi-Hi, Hi-Hi nicht hinauskam und dies mit dem kauzigen „komm-mit, komm-mit“ des Turmbewohners schon Ähnlichkeit hatte. So versank Hermann zunehmend in der Akzeptans seiner Lage, begriff seine Situation als unaufhaltsam, wollte sich auf den absehbaren Tod als unvermeidlich einstimmen und wurde nur durch Hunger- und Durstqualen von rückwärtsgewandten Gedanken abgehalten. Erst das Lutschen an den zum Trocknen im Turm aufgehängten Schläuchen und das Knabbern von im Dunkel gefundenen , unter der Tür hindurchgewehten Birkenblättern entfachte ein wenig seine Überlebenskräfte, die ihn zur genaueren Erkundung seiner Umgebung führten.

Aber erst am nächsten Tag stieß er auf eine Entdeckung, die seine Lage – zumindest psychisch – entscheidend veränderte. Bei Tageslicht brach sich ein Lichtstrahl durch ein Astloch im geschlossenen Fensterladen und erzeugte auf der gegenüberliegenden Wand ein Bild. Es war das bekannte Phänomen der „camera obscura“, das - wie durch eine Kamerablende – ein deutliches, wenn auch etwas verschwommenes und auf dem Kopf stehendes photographisches Abbild der außen stattfindenden Ereignisse erzeugte. Seitdem saß Hermann gebannt vor der leuchtenden Wand wie vor einem Fernseher, sah sich bewegende Birkenwipfel, sah den Rauch über den zurückliegenden Hausschornsteinen, erspähte bewegt ein entfernt vorbeifahrendes Auto und wurde überrascht durch einen durchs Bild laufenden Passanten – der aber schnell aus dem Blickwinkel der „camera obscura“ entschwand...

Stunde um Stunde, Tag für Tag - denn nachts funktionierte das Phänomen ja nicht – verbrachte Hermann die Zeit vor seinem Bildwerfer, der einzigen Verbindung zur Außenwelt. Er spürte keinen Hunger mehr, keinen Durst, keine Schmerzen und seine Müdigkeit und Erschöpfung wich einer psychischen Abgehobenheit, die zu einem tranzendentalen Zustand, einer halluzinierenden Verfassung führte und ihn quasi schweben ließ und alles aufhob, was Körperlichkeit, Erinnerung, Vorhaben, Wünsche und Träume je ausgemacht haben.

Mit der Zeit löste sich seine Wahrnehmungsfähigkeit so weit auf, dass er auch nachts die wahrhaftig nicht vorhandenen Bilder produzieren konnte , ja er selbst das Gefühl hatte, schon längst nicht mehr im Spritzenhaus eingesperrt zu sein, sondern sich mit den Eulen gemeinsam im Fluge über die Welt befand.
Und er konnte diesen bewegenden Zustand auch nicht mehr ablegen, als nach 16 Tagen die Feuerwehrgemeinschaft im Zuge eines Brandalarms ihren Spritzengehilfen in einer entsprechenden Verfassung im Spritzenhaus vorfand.

Die Spinne Esmeralda und der Geist im Schlauch

von Holger Grabbe

Die Feuerwehrleute waren schon störend. Immer musste Esmeralda aufpassen, dass sie nicht unter deren schwere Stiefel geriet, wenn die Mannschaft sich hektisch über das Spritzenhausinventar hermachte, um zum Brandherd
auszurücken...

Aber das war nun schon lange her. Seit langem war Ruhe im Bau und die einzige Abwechslung waren die Gespräche der Spinne Esmeralda mit dem kleinen Wassergeist, der in den zum Trocknen aufgehängten Feuerwehrschläuchen hauste. Obwohl, langsam konnte sie das Gejammer nicht mehr aushalten, denn der kleine Wassergeist litt gewaltig unter der Trockenheit
der Schläuche, die schon lang nicht mehr genutzt – also gewässert – worden waren.

Doch auch Esmeralda hatte ihre Probleme: Solange sie klein war, kam ihr das Spritzenhaus wie die große weite Welt vor und auch als sie wuchs, passte sie immer noch durch das vergitterte Fenster und konnte durch die zerschlagene Scheibe einen Ausflug rund ums Haus riskieren...

Aber nun: schon seit geraumer Zeit machte sich eine Wachstumsstörung bemerkbar und sie wurde von Tag zu Tag größer und beide, der Schlauchgeist und Esmeralda sahen die Zukunft mit Schrecken. Doch dann – Esmeralda war schon doppelt so groß wie er selbst - besann sich der Geist – der auch nicht gerade sehr klein war– auf eine seiner geisterhaften
Fähigkeiten: er konnte sich so klein beamen, dass er eines nachts bequem zum Fenster hinausschlüpfen konnte, seine ursprüngliche Größe wieder annahm und so das nur verriegelte Spritzenhaustor von außen öffnen konnte.

Von jetzt ab unternahmen die beiden jede Nacht eine kleine Spritztour in die nähere Umgebung. Am liebsten kletterte Esmeralda auf das Dach des Spritzenhauses und konnte bei Vollmond weit über Lenzinghausen blicken. Und wenn man sich Mühe gibt und sich ganz leise heranschleicht, kann man die
beiden Nachtschwärmer bei ihren Ausflügen erspähen und es soll sogar gelungen sein, ein Foto von den Beiden zu machen...

Als auf einem Toilettenstuhl vor dem Spritzenhaus ein großes Geschäft erledigt wurde

von Henk Foh

I. Kapitel

Fast niemand hatte es mehr für möglich gehalten: Der Rat der Stadt Spenge beschloss, das alte Spritzenhaus retten zu wollen und in ein Artenschutzprojekt umzuwandeln. Aufgeregt flederten die Fledermäuse, eulten die Eulen und käferte allerlei Kleingetier ob der freudigen Nachricht durch die Straßen und Lüfte Lenzinghausens. Sogar das Spritzenhaus selbst lachte im Gebälk, allerdings nur kurz, weil daraufhin ein paar Ziegel vom Schlauchturm direkt auf einen Maulwurfshaufen fielen, worüber Herr von Graber, der Maulwurf, nicht glücklich war. 

Bürgermeister Herr Sparsam hingegen machte sich Sorgen: „Wie um alles in der Welt sollen wir das nur bezahlen?“, fragte er sich, als er das Gebäude nach der entscheidenden Ratssitzung genauer in Augenschein nahm. „Risse hier, Löcher da, fehlende Mauersteine – es ist ein Trauerspiel!“ Mit resigniertem Blick, vorrausschauend, was ihn erwartete, öffnete er das alte Holztor, das mit einem knarzenden „Ääääääätsch!“ den Blick ins Innere des Spritzenhauses freigab.

Zwischen dem alten Leiterwagen und seinem treuen Begleiter, dem mobilen Wassertank, stapelte sich morsche Wagenräder und Gerätschaften aus einer Zeit, in der noch Handarbeit gefragt war, und bildeten ein mehr oder weniger standhaftes Fundament für Schläuche und Spritzen, in die Jahre gekommene Truhen und einen Stapel vergilbter Zeitungen. Herr Sparsam ließ seinen Blick wieder über das Chaos streifen. So eine Unordnung hatte er zuletzt gesehen, als sich Schneemassen auf den Dachboden des Rathauses verirrt hatten!

Da erblickte er, wie ein schiefes Gipfelkreuz auf dem Berg alten Zeugs thronend, einen hölzernen Toilettenstuhl, aus dessen Inneren ihm ein Messingtopf etwas angelaufen, aber dennoch golden entgegenstrahlte. Ihm kam die zündende Idee...


II. Kapitel  
 
„Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – verkauft an das Feuerwehrmuseum Brandstadt: Ein Konvolut alter Rangabzeichen“ rief die Auktionatorin Frau Hochbiet, als sie ihren Hammer mit einem lauten „Pock“ auf eine der alten Truhen sausen ließ, in denen Herr Sparsam bei der großen Spritzenhausinventur nicht nur besagte Abzeichen, sondern auch erstaunlich gut erhaltene Uniformen, Feuerwehrhelme, eine Handsirene und eine Vielzahl weiterer Exponate aus dem weiten Feld des Feuerlöschwesens fand. 

Der Platz vor dem Spritzenhaus war voll mit Menschen von nah und fern. Alle wollten ein Stück vom Spritzenhaus abhaben. Ein kleines Gemälde des Spritzenhauses, das die ortsansässige Künstlerin Frau Malfein spendete, wechselte gar für einen vierstelligen Betrag den Besitzer, obwohl der ortsbekannte Herr Knauser mit seinem Gebot noch „Achtzig Euro – und dafür ist der Schinken schon gut bezahlt“ gerufen hatte.

Höhepunkt der Versteigerung war aber der hölzerne Toilettenstuhl, den Bürgermeister Sparsam eigenhändig restauriert hatte. Beide leuchteten feuerwehrrot: Der Toilettenstuhl wegen seines neuen Anstrichs, und Herr Sparsam vor Freude, weil die Auktion ein voller Erfolg war. Die Gebote für den Stuhl und ein Abendessen mit dem Bürgermeister schossen zunächst schnell in die Höhe – bis aus der hintersten Reihe ein „Elftausendeinhundertelf Euro“ ertönte. Herrn Sparsam wurde schwindelig. Er lies sich auf den Toilettenstuhl fallen, dann wurde ihm schwarz vor Augen. 


III . Kapitel

Als er wieder zu sich kam, traute er seinen Augen nicht. Herr von Graber, der Maulwurf, drückte ihm einen Umschlag in die Hand, sagte „Nur Bares ist Wahres, woll?“ und erläuterte, dass er, nachdem er unter der abgerissenen Polsterfabrik eine Goldader entdeckt hatte, zu einigem Reichtum gekommen sei und diesen nun in Artenschutzprojekte investiere. „Und ich selbst stehe auch unter Artenschutz! Es kann ja wohl nicht sein, dass mir vom Spritzenhaus der Garaus gemacht wird! Bitte sofort renovieren! Den Toilettenstuhl stellen sie vor dem Spritzenhaus ab! Ich werde Würmer darin züchten, ich liebe Würmer! Das können sie sich auch gleich für unser Abendessen merken! Tschüss-Tschüss!“ sagte er, und buddelte sich seiner Wege, ohne Herrn Sparsam zu Wort kommen zu lassen. Aus einem der vielen Maulwurfshaufen hinter dem Spritzenhaus hörte man noch dumpf ein „Das kaufe ich auch noch alles weg, bevor es zugebaut wird“ erklingen. Und dann begann das größte Volksfest, das Lenzinghausen seit der Einweihung des Spritzenhauses 1931 gesehen hatte.

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